In einem unserer ersten Lookbooks von 2016 ist es der ein oder anderen vielleicht aufgefallen: Die Puppen haben keine Gesichter, die Kleidung sitzt nicht immer perfekt, manches wirkt bewusst unfertig. Was auf den ersten Blick irritieren mag, war eine ganz bewusste gestalterische Entscheidung – und eine Hommage an ein fast vergessenes Stück Modegeschichte.
Das Lookbook unserer Herbst/Winterkollektion 2016/17 war inspiriert von der sogenannten Anziehpuppe – jenen Papierfiguren, mit denen Generationen von Kindern (und nicht nur sie) spielerisch Mode entworfen haben. Mit Schere, Papier und Kleber wurden Farben, Stoffe und Muster kombiniert, verworfen und neu gedacht. Genau dieses freie, experimentelle Prinzip wollten wir damals auf unsere Kollektion übertragen.
Wer Anziehpuppen heute vorschnell als nostalgischen Kitsch abtut, unterschätzt ihre kulturelle Bedeutung. Paper Dolls erzählen Modegeschichte, spiegeln gesellschaftliche Ideale und erlauben einen oft überraschend kritischen Blick auf Geschlechterrollen. Gerade aus heutiger Perspektive – in einer Zeit, in der nachhaltige Mode sich zunehmend mit sozialen und kulturellen Fragen auseinandersetzt – sind diese historischen Bezüge besonders spannend.
Die Geschichte der Anziehpuppe reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Schon 1791 beschrieb das Journal des Luxus und der Moden die sogenannten „englischen Puppen“ als Spielzeug, das nicht nur Kindern, sondern auch erwachsenen Frauen Freude bereite – weil sich daran guter und schlechter Geschmack im Kleiden „sinnlich studieren“ lasse. Wirklich populär wurden Paper Dolls jedoch erst im 19. Jahrhundert, als neue Drucktechniken ihre massenhafte Verbreitung ermöglichten.
Im 20. Jahrhundert entwickelten sie sich weiter: In den USA erlebten sie zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren ihren Höhepunkt. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten waren sie günstiges Spielzeug – und zugleich Projektionsfläche einer idealisierten Welt. Viele Puppen trugen die Gesichter berühmter Frauen wie Grace Kelly, Jackie Kennedy oder Twiggy und transportierten dabei gängige Rollenbilder ihrer Zeit.
Gleichzeitig eröffneten Paper Dolls aber auch Räume jenseits dieser Klischees. Figuren wurden als berufstätige Frauen gezeigt, in der DDR etwa vor allem als Arbeiterinnen, angepasst an die jeweilige gesellschaftliche Ideologie. In den 1970er-Jahren wurden Anziehpuppen schließlich bunter, lauter und spielerischer – ganz im Sinne der Mode dieser Zeit.
Paper Dolls waren also nie nur Spielzeug. Sie waren immer auch ein Experimentierraum – für Mode, Identität und gesellschaftliche Vorstellungen. Genau diese Offenheit und Lust am Kombinieren hat uns damals inspiriert.
Fazit
Rückblickend steht dieses frühe Lookbook sinnbildlich für etwas, das uns bis heute begleitet: die Freude am Experiment, am bewussten Bruch und am spielerischen Umgang mit Mode. Die Anziehpuppe erinnert daran, dass Mode nie statisch ist – sondern ein Prozess. Mix it, baby. Farben, Qualitäten und Muster dürfen neu gedacht werden. Die passenden Bio-Stoffe liefern wir – alles andere entsteht durch Eure Ideen.