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Frauen stehen seit Jahrhunderten im Zentrum der Bekleidungsindustrie – als Arbeiterinnen, Konsumentinnen, Aktivistinnen und Vordenkerinnen. Was heute als nachhaltige Modebewegung sichtbar wird, hat tief verwurzelte feministische und politische Ursprünge, die bis ins 18. und 19. Jahrhundert zurückreichen. Ein Text von Marzia Lanfranchi.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist seit jeher eng mit dem Leben von Frauen verbunden. Sie prägt gesellschaftliche Erwartungen an Körper und Erscheinung, sie beschäftigt weltweit überwiegend Frauen – und sie ist zugleich ein Feld, in dem Frauen immer wieder für soziale Gerechtigkeit, bessere Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktionsweisen gekämpft haben. Nachhaltigkeit in der Mode ist daher kein neues Phänomen, sondern Teil eines historischen feministischen Diskurses.

Bereits im 19. Jahrhundert, lange bevor Begriffe wie „ethischer Konsum“ oder „nachhaltige Mode“ existierten, nutzten Frauen Kleidung als politisches Ausdrucksmittel. Die sogenannte Free Cotton Bewegung entstand in einer Zeit, in der Baumwolle zum Motor der Industrialisierung wurde – und gleichzeitig auf der systematischen Versklavung schwarzer Menschen basierte. Der Ausspruch „Cotton is King“ stand sinnbildlich für ein Wirtschaftssystem, das enorme Profite generierte, während es Menschen zu Waren machte.

Die Free Cotton Bewegung war Teil des internationalen Free Produce Movements, das zum Boykott von Waren aus Sklavenarbeit aufrief. Besonders Frauen spielten dabei eine zentrale Rolle. Obwohl sie von formellen Machtpositionen ausgeschlossen waren, nutzten sie ihre Einflussmöglichkeiten im privaten und gesellschaftlichen Raum: durch bewusste Kaufentscheidungen, durch Bildungsarbeit, durch das Organisieren von Netzwerken, Märkten, Messen und Spendenaktionen.

Quäkerinnen wie Anna Richardson in Großbritannien oder Aktivistinnen in den USA machten sichtbar, dass Konsum niemals neutral ist. Kleidung wurde zu einem politischen Statement. Frauen sammelten Gelder, unterstützten geflohene Sklaven, produzierten Literatur und Kunst und nutzten Mode gezielt, um moralische Fragen in den Alltag zu tragen. Antisklaverei-Messen etwa präsentierten bewusst ästhetisch ansprechende Produkte aus „freier Baumwolle“, um auch Menschen außerhalb der Bewegung zu erreichen.

Viele dieser Frauen sind heute weitgehend unbekannt. Ihre Arbeit wurde historisch marginalisiert, obwohl sie maßgeblich dazu beitrug, politische Bewegungen zu finanzieren und gesellschaftliche Debatten voranzubringen. Aktivistinnen wie Sarah Parker Redmond, Harriet Beecher Stowe oder Eleanor Clark machten öffentlich, dass der Wohlstand europäischer Städte wie Manchester auf Baumwolle aus Sklavenarbeit beruhte – und appellierten gezielt an andere Frauen, ihre Stimme und ihre Kaufkraft zu nutzen.

Diese historischen Parallelen sind erschreckend aktuell. Auch heute noch ist die Bekleidungsindustrie eine der Branchen mit der höchsten Ausbeutung. Moderne Sklaverei existiert weiterhin, und Frauen sind überproportional betroffen. Weltweit arbeiten Millionen Frauen in schlecht bezahlten, unsicheren und informellen Beschäftigungsverhältnissen, während Entscheidungspositionen in Modeunternehmen weiterhin überwiegend von Männern besetzt sind.

Gleichzeitig sind es Frauen, die die nachhaltige Modebewegung maßgeblich vorantreiben – als Designerinnen, Aktivistinnen, Wissenschaftlerinnen und Unternehmerinnen. Dennoch klafft eine große Lücke zwischen Engagement und tatsächlicher Macht. Historische und aktuelle Beispiele zeigen, dass echte Veränderung nur dann möglich ist, wenn Geschlechtergerechtigkeit als integraler Bestandteil nachhaltiger Transformation verstanden wird.

REFERENZEN & WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE

- Moral Fibre: Women’s Fashion and the Free Cotton Movement, 1830–1860
- The Abolitionist Sisterhood
- Sarah Parker Redmond and Anne Knight
- Cotton vs Conscience
- Women Against Slavery: The British Campaigns, 1780–1870
- The Force of Fashion in Politics and Society
Manchester, cotton and anti-slavery
- Empire of Cotton
- Cotton: The Biography of a Revolutionary Fiber
- Why Is the Sustainable Fashion Movement Being Led by Women?
- How Women Are Leading the Sustainable Fashion Movement
- The Women Leading Fashion Sustainability
- The Fashion Industry Is One of the Biggest Supporters of Modern Slavery Across the Globe
- Men Are Dominating Industries Aimed at Women — Here’s What To Do About It
- Gender Equality Index
- Towards Change: ‘Free-Grown’ Cotton
- Pincushion, Am I Not Your Sister
- The Charitable Work of Eleanor Clark in the 1850s and the 1870s

- Quaker Women, the Free Produce Movement and British Anti-Slavery Campaigns
- Garment Production: The Female Face of Modern Slavery
One in 200 People Is a Slave. Why?

Fazit

Nachhaltige Mode ist ohne feministische Geschichte nicht denkbar. Frauen haben über Generationen hinweg gezeigt, dass Konsum politisch ist – damals wie heute. Wer Nachhaltigkeit ernst meint, muss auch Machtverhältnisse, Geschlechtergerechtigkeit und historische Verantwortung mitdenken. Die Geschichte lehrt uns: Veränderung beginnt dort, wo Entscheidungen bewusst getroffen werden.